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Jomhouri


Die müde Jugend


Tel Aviv-Teheran: Ron Leshem und Hamed Eshrat in Berlin

Mon 27 08 2012

'Next Generation', das hat Vito Corleone, das Familienoberhaupt in Coppolas 'Godfather', wahrscheinlich auch gedacht, als er mit seinem Enkel im Garten gespielt hat, um gleich darauf tot umzufallen. Gewiss ist jedenfalls, dass die Veranstalter der aktuellen Jüdischen Kulturwoche 'Next Generation' gedacht haben, als sie eine Lesung betiteln sollten, die am Dienstag im Jüdischen Museum Berlin stattfand und mit der sich durchaus ähnliche Hoffnungen verbanden: Dass diese jungen Menschen einmal besser sein würden, als man es selbst war.

Es traten auf: Der israelische Schriftsteller, Journalist und Essayist Ron Leshem, geboren 1976 in Tel Aviv, dessen jüngster Roman 'Der geheime Basar' (2011) in Teheran im Jahr 2008 spielt, also in einer Stadt, die der Autor als Israeli nie betreten hat. Und der iranische Comic-Autor und Graphik-Designer Hamed Eshrat, geboren 1979 in Teheran, der allerdings in Deutschland aufgewachsen ist und seine Geburtsstadt so gut wie gar nicht kennt. Eshrats Eltern sind kurz nach der Revolution nach Deutschland geflohen, weil der Vater für den Geheimdienst des Schah tätig war. In den vergangenen acht Jahren sei er zwei Mal im Iran gewesen, wobei ihm seine Gastgeber vor allem vorgeführt hätten, wie westlich sie leben können, wenn es drauf ankommt: Es gab Pizza und Cola und im Fernsehen lief 'Kommissar Rex'.

Die Bühne gehörte also Ron Leshem und das war gut, denn er wusste, wie man damit umgeht. Man kann sich Leshem vielleicht als den ersten internationalen Erfolgsschriftsteller vorstellen, dem jederzeit eine eigene Armani-Kampagne gewidmet sein könnte. Die jüdischen Romanleserinnen im branchengerecht mittleren Alter waren auch gleich gruppenweise erschienen, es musste aufgestuhlt werden. Als Leshem auf der Bühne sein Jackett auszog, fächerten die Programmhefte in den Stuhlreihen auf höchster Stufe. Die Bühne indes sah aus, als würde sich Reinhold Beckmann jeden Moment selbst einen Fernsehpreis verleihen. Und hinten im Saal, hinter dem dem Publikum, illuminierten Bodenstrahler die Wände pink.

Ron Leshem erzählte, er habe stets ein ungutes Gefühl, wenn die internationalen Reiseführer seine Heimatstadt Tel Aviv als In-Spot zelebrierten, voller guter Restaurants und sexuell aufgeladener Strandpartys, die niemals enden. Schließlich gebe es einen konkreten Grund für diesen hohlen Eskapismus, über den nur niemand reden wolle: Man feiere in Tel Aviv nur deshalb so entschlossen, weil Iran und Hisbollah ständig hunderte Raketen auf das eigene Hausdach richteten und man gewissermaßen ganz unmetaphorische gezwungen sei, dem kategorischen Imperativ der Popkultur gemäß jeden Tag zu leben, als sei es der letzte.

Oder aber man schreibt Bücher, denen nächtliche Experimente vorausgehen: Bei der Recherche für seinen Teheran-Roman hat Leshem 100 Freundesanfragen auf Facebook an zufällig ausgewählte Iraner geschickt, die tatsächlich alle angenommen wurden. Die privaten Fotoalben, die sich ihm dadurch eröffneten, hätten das Bild einer iranischen Jugend gezeichnet, die von seinem eigenen Umfeld kaum zu unterscheiden gewesen sei. Sie hätten alle seine Freunde sein können: Sie mochten dieselben Bands, dieselben Sitcoms, dieselben Drinks. Und sie hatten zu ihrer Regierung ein ähnlich fatalistisches Verhältnis. Klar könne man demonstrieren, sagten die iranischen Internetfreunde im Chat, man könne aufstehen, sich organisieren, die Paläste stürmen. Man könne sich aber auch lustige Katzenvideos im Internet anschauen und hoffen, dass dieser Alptraum irgendwann aufhört. Etwas anderes mache die israelische Jugend schließlich auch nicht.

In Leshems Roman 'Der geheime Basar' tritt an einer Stelle eine iranische Tante auf, die ihren Lebensherbst lieber im gefährlichen Teheran verbringt als in einer eintönig friedlichen Stadt wie, sagen wir, Toronto. Sie sei süchtig nach Explosionen, sagt sie. Also im Grunde wie die Partycommunity in Tel Aviv? Ja, sagt Leshem, genau so. Überhaupt sei er enttäuscht gewesen, dass niemand gemerkt habe, dass er den Iran lediglich als Vehikel benutzt habe, um über Israel zu schreiben. Der religiöse Fanatismus der Eliten, die müde Jugend, die nicht jung sein darf, die messerschwingenden Regierungen, die ständige Bedrohung durch auswärtige Mächte, bei der niemals jemand wisse, zu welchen Teilen sie Realität oder Propaganda sei: das alles seien auch israelische Themen, nur habe das niemand sehen wollen.

Einmal hat sich Leshem mit einem seiner iranischen Internetfreunde in Paris getroffen. Sein Umfeld habe das für eine wahnwitzige Idee gehalten: Er wolle sich mit einem unbekannten Typen aus dem Internet treffen? Aus dem Iran? Leshem fuhr trotzdem in das verabredete Hotel und wartete. Nach sechs Stunden allein im Zimmer habe die Paranoia angefangen: Jeden Moment würden iranische Geheimdienstler das Zimmer stürmen. Oder aber der Mossad, der ihn für einen iranischen Agenten halten würde. Oder sonst was.

Um ein Uhr nachts klingelte dann das Telefon. Sein iranisches Blind Date stand unten in der Rezeption: Es tue ihm sehr leid, er habe sich verspätet, weil er im Flugzeug eine Russin kennen gelernt habe, mit der er noch aufs Zimmer gegangen sei. Leshem: 'Ich war wie eine jüdische Mutter: Du hättest anrufen sollen! Du hättest mir Bescheid sagen sollen! Ich habe mir Sorgen gemacht!' Großes Gelächter im Saal, Riesengeschichte. Die Zahlen zum Abend blieben unerwähnt: 30 Tage würde der Krieg mit dem Iran dauern und 500 zivile Opfer fordern, so Israels Minister für innere Sicherheit Matan Vilnai.

Felix Stephan
Quelle: Süddeutsche Zeitung
23. August 2012
Seite 12