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Jomhouri


Sacharow-Menschenrechtspreis der EU an zwei iranische Aktivisten


Sat 27 10 2012

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Inhaftierte Oppositionsanwältin und Filmemacher werden ausgezeichnet - "Klare Absage an Regime in Teheran"


Straßburg/Teheran - Das EU-Parlament verleiht den diesjährigen Sacharow-Preis für Menschenrechte an zwei inhaftierte iranische Menschenrechtsaktivisten: die Anwältin Nasrin Sotoudeh und den Filmemacher Jafar Panahi. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz erklärte am Freitag, die Würdigung bedeute auch eine "klare Absage an das Regime in Teheran". Sotoudeh und Panahi "stehen für alles, wofür auch wir stehen. Wir sagen ihnen deutlich, ihr seid nicht allein."

Sotoudeh und Panahi hätten sich Angst und Einschüchterungen im Iran nicht beugen wollen, sagte Schulz weiter, sondern "beschlossen, das Schicksal ihres Landes ihrem eigenen persönlichen Schicksal überzuordnen".

Wegen ihrer mutigen Taten sei Sotoudeh ihrer Familie entrissen und wegen angeblicher Propaganda zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Panahi wiederum schaffe durch seine Filme "lebhafte Porträts eines komplexen reichen und schönen Landes und seiner Bewohner".

Panahi gehört zu den wichtigsten unabhängigen Regisseuren aus dem Iran. 2010 wurde er festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt, außerdem erhielt er ein Ausreiseverbot und ein 20-jähriges Berufsverbot.

Der Sacharow-Preis ist benannt nach dem sowjetischen Physiker, Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow (1921-1989). Er wird vom Europaparlament seit 1988 für wichtige Beiträge im Kampf für Menschenrechte vergeben. Der Gewinner erhält 50.000 Euro. Der Preis soll am 12. Dezember in Straßburg vergeben werden. (APA, red/DER STANDARD, 27.10.2012)


Auszeichnung für inhaftierte Anwältin im Iran


Nasrin Sotoudeh erhält den Sacharow-Preis
Den ganzen großen Teil der iranischen Gesellschaft, der mit der Islamischen Republik hadert, kann das iranische Regime nicht abstrafen - aber zumindest an einigen Personen ein Exempel statuieren. Zu ihnen gehört die neue Sacharow-Preisträgerin Nasrin Sotoudeh, die seit Anfang September 2010 im berühmt-berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran sitzt, laut Menschenrechtsgruppen meist in Isolationshaft.

Die Menschenrechtsanwältin, die eng mit Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi zusammenarbeitete, wurde im Jänner 2011 zu elf Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt, für eine "Verschwörung gegen die Staatssicherheit", ein Urteil, das später auf sechs beziehungsweise zehn Jahre reduziert wurde. Sotoudeh, deren Kinder jetzt vier und zwölf Jahre alt sind, hat im Oktober einen Hungerstreik begonnen, um für ihre Rechte - Zugang zu ihrem Anwalt und zu ihrer Familie - zu kämpfen. Es ist nicht ihr erster, und ihre Gesundheit ist angegriffen.

Bekannt wurde Nasrin Sotoudeh als Kämpferin für Kinderrechte: Dabei ging es um den Schutz missbrauchter Kinder vor ihren Vätern ebenso wie um den von minderjährigen Tätern, die ihr Alter im Iran nicht vor Hinrichtung schützt. Ihr Weg ins Gefängnis begann sozusagen mit der Wiederwahl Mahmud Ahmadi-Nejads 2009: Als nach den anhaltenden Protesten die Verhaftungswelle einsetzte, stand Sotoudeh etlichen Oppositionellen als Anwältin beiseite. Bis im August 2010 die Behörden gegen sie selbst vorgingen.

Die Karriere als politische Gefangene war Sotoudeh bestimmt nicht in die Wiege gelegt, sie stammt aus einer religiösen, konservativen Mittelstandsfamilie. Nach dem Jusstudium fand die 1963 Geborene erst einmal Arbeit beim Staat, im Rechtsbüro des Wohnbauministerium. Danach arbeitete sie bei der staatlichen Tejarat-Bank. 1995 legte sie die Rechtsanwaltsprüfung ab, da war sie bereits an Frauenthemen interessiert, denn sie versuchte zu diesem Thema zu publizieren, ohne viel Erfolg. Aber als Anwältin erregte sie bald Aufmerksamkeit.

Unterstützung bekommt Nasrin Sotoudeh von ihrem Gatten Reza Khandan, der auch dafür sorgt, dass die Öffentlichkeit sie nicht vergisst. Sotoudeh hat ihn einmal als "wirklich einen modernen Mann" bezeichnet, der ihr in allem zur Seite stehe. Nun muss er die Kinder allein großziehen. Der Sacharow-Preis wird sie nicht nach Hause bringen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, 27.10.2012)



Herzlichen Glückwunsch, Nasrin Sotudeh und Jafar Panahi!


Zur Verleihung des Sacharow-Preises des Europäischen Parlaments an Nasrin Sotudeh und Jafar Panahi erklären Claudia Roth und Cem Özdemir, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:

„Wir gratulieren Nasrin Sotudeh und Jafar Panahi herzlich zum diesjährigen Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments! Wir freuen uns mit ihren Familien und Angehörigen über diese Auszeichnung und Anerkennung.

Nasrin Sotudeh hat mit ihrem Engagement im Iran als Anwältin für unterdrückte und gefolterte Frauenrechtlerinnen und politische und studentische Aktivistinnen und Aktivisten neue Maßstäbe gesetzt und die menschenrechtsverletzende Praxis der iranische Justiz und anderer Unterdrückungsorgane des politischen Systems entlarvt. Deshalb wurde sie als Menschenrechtsverteidigerin selbst zum Opfer von Menschenrechtsverletzungen.

Jafar Panahi gehört zu den herausragenden Filmregisseuren des Landes. Seine Filme sind auch auf internationalen Filmfestivals zu sehen. Er ist ein Opfer der ideologischen und unterdrückenden Kulturpolitik des Regimes und eines Justizsystems, das ihn zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilte. Zur Berlinale 2011, an der er als Juror teilnehmen sollte, verweigerte das Regime ihm die Ausreise. Ein leerer Stuhl war während des Festivals das sichtbare Zeichen für diese erzwungene Abwesenheit.

Wir fordern die bedingungslose Freilassung von Nasrin Sotudeh und Jafar Panahi und die Aufhebung aller Unrechtsurteile und Einschränkungen gegen beide. Die EU und die Bundesregierung sollten das starke Signal des Sacharow-Preises zum Anlass nehmen, sich deutlicher und glaubwürdig für die Einhaltung der Menschenrechte im Iran einzusetzen, beginnend mit der unmissverständlichen Forderung an das iranische Regime, die Ausreise von Nasrin Sotudeh und Jafar Panahi zur Entgegennahme des Preises zu ermöglichen."


PRESSEDIENST BUENDNIS 90/DIE GRUENEN Bundesvorstand
Dr. Jens Althoff, Pressesprecher

Datum: 26.10.2012




Quelle: derstandard.at